GESELLSCHAFT FUER INTERDISZIPLINAERE
SAHARA-FORSCHUNG
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24.7.1998  Pflanzen für die Wüste
von Thomas Azade

Die Wüste breitet sich aus. Fast vierzig Prozent der Landoberfläche der Erde sind von Wüstenflächen bedeckt. Und jährlich kommen etwa 70.000 Quadratkilometer dazu, eine Fläche, fast doppelt so groß wie die Schweiz.

Etwa eine Milliarde Menschen sind von der Wüstenausdehnung weltweit betroffen, schätzen Experten der UNO.

Von der Sahara bis zur Mongolei unternehmen Menschen verzweifelte Anstrengungen, das Sandmeer und seine wandernden Dünen aufzuhalten.

Zahlreiche Bepflanzungsprojekte, auch mit internationaler Unterstützung durch die UNO, sind schon gescheitert. Denn das Hauptproblem in der Wüste ist, daß der sandige oder steinige Boden kaum Wasser speichern kann. Der ohnedies seltene Regen versickert zu rasch und kann von den Wurzeln kaum aufgenommen werden.

Nur ständige künstliche Bewässerung kann das Überleben der Pflanzen garantieren.

An der Wiener Universität für Bodenkultur läuft derzeit ein Großversuch für Wüstenbepflanzungen. Prosobis-Bäumchen, eine Akazienart, sind hier im Streßversuch. Das heißt, sie werden unter möglichst wenig Wassergaben gehalten.

Diese Bäumchen wurden zwei Jahre lang mit nur zwei Liter Wasser einmal pro Monat gegossen. Die Wissenschafter wollen nun die Entwicklung der Wurzeln überprüfen.

Denn sie verwenden hier ein ganz spezielles Substrat. Tief im Wüstensand ist eine Schicht aus speziellem Granulat, das Wasser speichern kann. Das Material wurde am Institut für Silikattechnik am Wiener TGM entwickelt und hat weltweit einzigartige Eigenschaften.

Auf Ziegelsplitt oder auf Lavagestein wird ein silikatisches Pulver aufgebracht, das Wasser speichern kann.

Das Besondere daran ist, daß dieses Granulat aber auch Nährstoffe und Salze binden kann und sie mit dem gespeicherten Wasser langsam wieder abgibt. Der Zyklus kann unbeschränkt oft wiederholt werden, das Material ermüdet nicht. Für Wüstenpflanzen ist es eine wichtige Starthilfe, damit sich die Wurzeln gut entwickeln.

Dr. Nabeel Badawy, Inst. f. Landschaftssicherung, BOKU Wien: "Wir geben das silikatische Granulat auf eine Tiefe von etwa einem Meter und simulieren so für die Pflanze ein Grundwasserverhältnis. Dadurch treibt die Pflanze schnell die Wurzeln in diese Schichte, vermehrt sie und bildet viele Feinwurzeln. Und wenn es wieder trocken wird, sucht sie mit mehr Wurzelmasse nach Grundwasser. Die Überlebenschancen sind dadurch um 80 bis 90 Prozent erhöht."

Die österreichische Entwicklung wird nun weltweit erprobt.

Eine der größten Versuchsreihen gibt es derzeit in den Arabischen Emiraten, in Abu Dhabi. Im königlichen Garten des Scheichs werden sogar Gemüsebeete mit dem Granulat bebaut. Hier ist vor allem das Ziel, den Wasserverbrauch drastisch zu reduzieren und das Ausschwemmen der Nährstoffe zu verhindern. Und man will wissenschaftliche Erfahrungen sammeln, welche Gemüsesorten für diese Kulturart in der Wüste geeignet sind.

Was hier in einer riesigen Parkanlage gepflanzt wird, könnte bald schon in der Wüste frei gedeihen.

Auch wenn bei über vierzig Grad Hitze die Experimentierfreude leidet ... aus den Versuchen werden wertvolle Erkenntnisse gewonnen.

Denn hier werden vor allem Kultur- und Nutzpflanzen wie Zitrusfrüchte, Pfirsich- oder Mangobäume oder Avocados planmäßig in den Sand gesetzt - in der Hoffnung, daß sie reichen Ertrag bringen.

Die Erkenntnisse aus Abu Dhabi werden auch in anderen Regionen der Erde verwertet. In Senegal beispielsweise werden in einem Entwicklungshilfeprogramm der Caritas derzeit Akazien gesetzt, in deren Schatten dann Gemüse wachsen soll.

Freilich, ohne Wasser geht es nicht, aber die Sprenkelanlagen werden viel seltener und vor allem kürzer aufgedreht. Das silikatische Granulat aus Österreich hält das Wasser im Boden fest.

In Abu Dhabi, wo praktisch alles Wüste ist, was nicht bewässert wird, sollen nun ganze Landstriche begrünt werden. Bis zu sechs Meter hohe Palmen werden ausgesetzt. In einem ehrgeizigen Projekt will der Scheich seinem Volk einen Wald schenken. Als Teil davon hat heuer im Jänner ein Forscherteam des TGM und der Universität für Bodenkultur 1.500 Bäume ausgesetzt.

Üppiges Grün darf man sich allerdings noch nicht erwarten, denn diese Pflanzen werden nur minimal bewässert. Ihre Wurzeln sollen eigenständig Feuchtregionen in tiefen Bodenschichten suchen und damit gleichzeitig den Untergrund befestigen.

Bis diese Pflanzen allerdings zu solcher Größe gediehen sind, wie diese Dattelpalme aus der Stadt Abu Dhabi, bis dahin werden noch etliche Jahre und Wüstenstürme durchs Land ziehen.

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Last updated Februar 2010